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Vom Thurmbräu zum Brauhaus Winter und zur Richmodis-Brauerei

Obergärige Brauerei Franz Dünwald
Obergärige Brauerei Franz Dünwald

Wenn sich zwei Brauereien zusammenfinden, ist das - besonders in der Bierstadt Köln - noch keine große Sache. So fusionierten im Fall der Richmodis-Brauerei die beiden Traditions-Brauhäuser Thumbrauerei Franz Dünwald und das Brauhaus Friedrich Winter. Das dann dieses Unternehmen von einer dritten, der Privatbrauerei Gaffel übernommen wurde, ist das schon einer genauen historischen Aufarbeitung wert. Besonders, da auch die Privatbrauerei Gaffel über eine lange Tradition verfügt. Daß die Richmodis-Brauerei heute gemeinsam mit der Privatbrauerei Gaffel braut, ist sowohl stadt- als auch bierhistorisch interessant und wert dokumentiert zu werden.

Betrachtet man zuerst die historischen Daten des Brauhaus Zum Turm in der Herzogstraße 18, so ergibt sich folgender Sachverhalt:

1277 erwirbt der Brauer Theodor de Sligen das Brauhaus auf der Herzogstraße an der Ecke zum Perlenpfuhl gegenüber der Steitzeuggasse von einem Henricus Koch in Erbpacht. Da wir wissen, daß das Braurecht immer an das Haus (die Immobilie) und nicht an die Person gebunden war, ist es sehr wahrscheinlich, daß hier bereits vorher ein Brauhaus bestand.


1283 das Haus von Theodor de Sligen gekauft. 1293 erwirbt Thilmann de Sligen (sehr wahrscheinlich der Sohn Theodors de Sligen) das Brauhaus.
1296 Schenkung des Anwesens an das Hl. Geist-Haus (Hospital in der Dompfarre).
1305 die Witwe Elisabeth de Sligen, wiederverheiratet mit dem Kürschner Johann de Cleve, bestätigt die Schenkung.
1319 nimmt Winand de rufo Leone (Vom roten Löwen) das Brauhaus in Erbpacht. Das Haus führt aber weiterhin den Namen Theodor de Sligens.
1420 taucht zum ersten Mal für das Brauhaus (domus braxatoris) des Theodor de Sligen der Hausname Zum Turm auf.
1455 wird Reynart von Vijlke als Pächter des Brauhauses genannt. Eigentümer und Vergeber der Erbleihe ist nach wie vor das Hl. Geist-Haus.
1491 Jacob von Brügge ist jetzt Besitzer des Brauhauses Zum Turm.
1563 wird das Brauhaus Zum Turm im Buch des berühmten Kölner Chronisten Hermann von Weinsberg erwähnt.

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Soweit die detaillierten Aufzeichnungen in den Schreinsbüchern der Pfarre St. Kolumba. Über eine andere Quelle wissen wir den weiteren Werdegang des Brauhauses Zum Turm in der Herzogstraße. Es ist dies das Kölner Brauer-Kataster, das seit dem Jahre 1838 geführt wird. Hierin werden alle Brauhäuser in Köln mit ihren jeweiligen Besitzern in chronologischer Reihenfolge bis heute Tag geführt. Anschließend die Eintragungen im Kölner Handelsregister. Hier sind die Eintragungen über das Brauhaus Zum Turm (auch Thurmbräu genannt) in der Herzogstr. 18

Dünwald, Franz, Brauerei 1908-1918 Errens, Carl, Brauerei (neu gegr.) 1924-1924 Dünwald, F. "Thurmbräu" GmbH 1924-1930 Winter, Friedr. Richmodis-Bräu 1934-1944 Richmodis-Bräu u. Brauhaus Friedr. Winter (neu) 1950-1976 Richmodis-Bräu u. Brauerei Friedrich Winter GmbH & Co. KG. 1976-1881 Richmodis-Bräu vorm. Friedrich Winter GmbH 1981-1997 Richmodis-Bräu GmbH DATO

Aus dem Jahre 1921 stammen Informationen von Lambert Macherey in seinem Buch: "Kölner Kneipen im Wandel der Zeit" über das Brauhaus in der Herzogstraße, die etwas von den wirklichen Eintragungen abweichen, den historischen Sachverhalt aber im Kern richtig wiedergeben:

Zur Geschichte des Brauhauses Franz Dünwald (Herzogstraße, Ecke Perlenpfuhl). AIs der derzeitige Besitzer Franz Dünwald zum Bau seiner Brauerei schritt, fanden sich bei der Ausschachtung bedeutende, aus römisch-fränkischer Zeit herrührende Mauerreste vor; ebenso stammen auch die Fundamente des Vorderhauses aus frühester Zeit. Die Herzogstraße (platea Ducis) später Herzgensgasse - nach dem dort ansäßig gewesenen Patriziergeschlecht der Herzen zog sich von "vor St. Columba" zur Schildergasse. In der Mitte wurde diese Straße wie noch heute von der "Stritgassen" und dem "perlenpohl", auch Dravergasse genannt, geschnitten. Letztere eine schmale Straße, an der Hoben Straße (damals: Unter Wappensticker) beginnend, hatte in der Mitte eine Kleine Platzbildung, auf welche der "Pütz" (Brunnen) oder "Pfuhl" aber - wie Archivar Fuchs launig schreibt - feine Perlen (Abfall) lagen.

Am Schnittpunkt genannter Straßen, an Stelle des jetztigen Hauses Dünwald standen um 1200 zwei Steinhäuser. Hier wohnte Th. de Sligen. Braxator (Brauer), der 1277 das Anwesen von Henerici Coci in Erbpacht nahm und 1278 unter Niederlegung der vorhandenen Scheunen und Nebengebäude ein Brauhaus mit Zubehör errichtete. Im Vorderhause befand sich die Schänke. TH. de Sligen war der 65. Bierbrauer, der vom Rat konzessioniert wurde. Das Geschäft scheint floriert zu haben, denn schon sechs Jahre darauf (1283) erwarb er das Ganze käuflich, um es nach zehn Jahren (1293) an Herrn Graloc, nuntius officialium St. Columba, in Erbleihe zu geben und später (1296) in Form einer Schenkung zugunsten des Stiftes Zum Hl. Geiste demselben ganz zu übertragen. Nach seinem Erstbesitzer hieß das Haus "Zom Slyen" bis, zum ersten Male in einer Urkunde vom Jahre 1455, auch die Bezeichnung "Zo deme Toren" vorkommt. In der Schreinseintragung (Schrein, dem heutigen Kataster entsprechend) von 1485 steht: Haus zo deme Torn, met drey Häuschen gegenüber deme Pötz". Aus diesen Schreinseintragungen geht hervor, daß der Besitz um drei Häuschen, welche auf der Stelle des heutigen Gartens gelegen haben, vergrößert worden war und somit das Areal dem heutigen Besitzstand entsprochen haben dürfte.

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Dieses ist auch auf dem Stadtplan Mercators von 1571 deutlich erkennbar. Später beschert uns Wilhelm Scheben in seiner Geschichte der Zunft der Brauer mit recht interessanten Angaben bezüglich der Familie Dünwald. 1587: "Ich habe gefunden, daß die meisten, welche sich im Laufe der Zeit dem Brauergewerbe zugewandt haben, vom Lande stammten und bald bei ihrer Aufnahme auch nur der Vorname mit dem Geburtsort eingeschrieben wurde (z.B. Peter van Lennep, Johann van Weydben, Jacob van Meirhem ) Später fiel das Wörtchen van weg und der Ortsname wurde Familienname. So hat "Ruitger Duinwalt sin Ampt und broderschaff gewunnen op St. antonius Dag 1588". Unter den "neue ampttzbrödere" von 1592 - 95 finden sich die Namen von Ludtwich und Heirmann Duinwald (1587), Josep Duinwaldt (1593), Geudert und Joist Duinwaldt (1587). Demnach wäre der mittelalterliche Stamm der Familie des heutigen Besitzers in Dünwald zu suchen, was tatsäch1ich durch Urkunden und heute noch bestehende Verwandtschaften dort und im Zonser Lande Bestätigung findet.

Soweit Lambert Macherey und Wilhelm Scheben über die Brauerei in der Herzogstraße, die sich dann mit dem Brauhaus Winter zum Richmodis-Bräu zusammenfinden sollte. Auch bei dieser beginnt die Geschichte des Hauses mit den Eintragungen in den Schreinsbüchern: Schildergasse II - südlich zwischen St. Agatha und Antonsgasse. Aus diesen Angaben geht hervor, daß an dieser Stelle bereits im Jahre 1398 ein Brauhaus gewesen sein muß, das "Zu Parijs" hieß und im Besitz des Klosters Weiher und danach des Klosters von St. Mauritius. Seit dem Jahre 1441 heißt es allerdings: vormals ein Brauhaus. Danach findet man in den Schreinsbüchern keine Eintragung mehr zu dem Haus (Nr. 37). Auch bei Wilhelm Scheben findet man in den Jahren bis zum Jahre 1888 keine Hinweise auf die Brauerei in der Schildergasse. Doch das Brauerkataster gibt hier schon eher Auskunft:

Winter, Friedrich. Brauer, Schildergasse 37 1877-1891 Winter, Friedrich Brauhaus Lindenthal (vorher Johannisstraße) 1891-1893 Brauhaus Friedrich Winter, Classen-Kappelmann-Str. 26/28 (79a) 1893-1968

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Doch prüfen wir auch hier, was Lambert Macherey im Jahre 1921 zum Brauhaus Friedrich Winter schreibt: Das Brauhaus Friedrich Winter in Köln-Lindenthal (Jetziger Inhaber: Paul Jos. Winter) hat sich im Laufe weniger Jahrzehnte aus einer Kölner Heimbrauerei zu einer der leistungsfähigsten Großbrauereien Westdeutschlands entwickelt. Der Gründer Friedrich Winter übernahm zunächst 1874 das Ursulsbräu (Jetzt "Birrebäumche") und kaufte 1877 das Stammhaus Winter an der Schildergasse. Im gleichen Jahre erwarb er in Köln-Lindenthal große Lagerkeller in der Classen-Kappelmann-Straße, wo er dann 1887 eine jetzt mit allen neuzeitlichen Einrichtungen versehene Großbrauerei erbaute, die wiederholt Vergrößerungen und Erweiterungen erfuhr. Der Ruf ihrer Biere sicherte ihr einen überaus starken Absatz. Nach dem Tode des Gründers 1913 übernahm der älteste Sohn Paul Joseph Winter den Brauereibetrieb, der unter seiner Tatkräftigen Leitung einen weiteren Aufschwung erlebte. - Soweit Lambert Macherey aus dem Jahre 1921. Nach dem Umzug der Brauerei von der Schildergasse nach Lindenthal diente das Brauhaus auf der Schildergasse ausschließlich als Gaststätte. Es entwickelte sich im Laufe der Jahre zu dem führenden Brauhaus in Köln.

Im Jahre 1920 rückte das Brauhaus Winter sogar ins Blickfeld der internationalen Kunstszene, als hier die heute berühmten Maler Arp, Johannes T. Baargeld, Max Ernst und Hoerle zum ersten Mal ihre avantgardistische Kunstrichtung DADA ausstellten. Man hatte sich von Seiten des Brauhauses bewußt engagiert und somit einen nicht unbedeutenden Beitrag zum Durchbruch der modernen Kunst geleistet. Dank dieser Toleranz und dem großen Mut der Familie Winter, einer neuen revolutionären Kunstrichtung ihre Brauhaus-Räume zur Verfügung zu stellen, konnten Künstler wie der später weltberühmt gewordene Max Ernst zum ersten Mal an die Öffentlichkeit treten. Der späte Lohn dafür ist eine anerkennende Erwähnung in jedem kunstgeschichtlichen Werk der Gegenwart.

Auch das Brauhaus Winter auf der Schildergasse wurde im Zweiten Weltkrieg ebenso wie die Brauerei in Köln-Lindenthal, durch Bomben zerstört. Die Brauerei und das Brauhaus wurden als solche nicht wieder aufgebaut, die Brauaktivitäten wurden in die Herzogstraße 18 verlegt, wo sie dann bis zur Auslagerung nach Köln-Porz verblieben. Das Firmengebäude in der Innenstadt wurde bis auf das denkmalgeschützte Sudhaus abgerissen und in ein Geschäftshaus mit Hotel umgebaut. Damit verschwand ein Stück der jahrhundertealten Kölner Brautradition aus der Stadt und lebt heute nur noch in diesen Zeilen weiter. (FM)

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